4. August 2026  |  Nicole

Wie Stress Deine Atmung verändert und was das für Deine Gesundheit bedeutet

Wir zählen Schritte, Kalorien und Herzschläge - aber wer zählt seine Atemzüge? Die Häufigkeit sowie die Art und Weise unserer Atmung entscheiden mit, ob wir mehr gestresst oder eher entspannt sind.

Wir atmen, ohne dass wir uns darum kümmern müssen, aber ganz so leicht können wir uns nicht aus der Verantwortung stehlen. Ohne dass Du es merkst, können sich schlechte Atemgewohnheiten einschleichen. Das passiert z. B., wenn Du gestresst bist. Du atmest häufiger und wie viele Menschen bevorzugt auch durch den Mund. Wenn Du dann nicht aufpasst, gewöhnt sich Dein Körper an die veränderte Atemweise. Die Veränderungen tun Dir weder weh, noch werden sie Dich im Alltag behindern - aber langfristig haben sie Folgen. Sie rauben Dir Energie, lassen Dich schneller müde werden. Verschiedene Krankheiten können folgen, wenn Du nichts unternimmst.

Die Besonderheit der Atmung

Die Atmung nimmt im Körper eine Sonderstellung ein. Einerseits wird sie vom vegetativen Nervensystem gesteuert und findet statt, ohne dass wir willentlich steuern müssen. Andererseits können wir bewusst schneller oder langsamer atmen, tiefer oder flacher Luft holen. Diese direkte Einflussnahme unterscheidet die Atmung von anderen Funktionen im Körper, wie z. B. Verdauung oder die Ausschüttung von Hormonen, die wir nicht bewusst und mit unserem Willen beeinflussen können.

Die meiste Zeit verlassen wir uns bei der Tiefe und der Anzahl unserer Atemzüge vollkommen auf unseren Körper. Wir vertrauen darauf, dass die Atemrezeptoren im Körper immer wissen, wie viel Sauerstoff wir im Moment benötigen. Unter normalen Umständen ist das eine gute Aufgabenteilung, aber bei Stress ist Vorsicht geboten.

Es ist möglich, ohne Grund 2- bis 3-mal so viel Luft wie nötig einzuatmen, und es nicht zu bemerken. Beim Seufzen, Husten oder Gähnen passiert das, wie schon erwähnt, ganz unbewusst. Eine Erhöhung der Atemfrequenz und der Luftmenge ist vorübergehend kein Problem. Wenn es jedoch über einen längeren Zeitraum geschieht, wie es häufig bei chronischem Stress der Fall ist, können sich schlechte Atemgewohnheiten in unser Leben einschleichen und verfestigen.

Stress verändert die Atmung

Das Atemzentrum reagiert auf alles, was wir erleben. Unter Stress atmen wir häufiger durch den Mund und nicht mehr durch die Nase. Selbst wer sonst konsequent durch die Nase atmet, wechselt bei Anspannung zur Mundatmung und atmet dadurch automatisch schneller. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, warum dieser Wechsel sinnvoll ist. Unsere Vorfahren atmeten in bedrohlichen Situationen, wenn sie für Kampf oder Flucht mehr Luft und Energie brauchten, durch den Mund. So versorgten sie ihre Muskeln mit dem nötigen Sauerstoff.

Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen dem Säbelzahntiger von damals und den Herausforderungen von heute. Die körperliche Reaktion auf Stress hat sich nicht verändert. Obwohl wir normalerweise nicht auf der Flucht sind, atmen viele Menschen bei geistigen oder emotionalen Anstrengungen bevorzugt durch den Mund.

Die Mundatmung stresst den Körper zusätzlich. Du kannst es an Deiner Herzfrequenz erkennen, wie fordernd die Mundatmung ist: Atme ein paarmal mit tiefen Atemzügen durch den Mund – innerhalb von ein paar Sekunden wird Dein Herz schneller und weniger variabel schlagen. Sobald Du wieder entspannt und sanft durch die Nase atmest, verlangsamt sich wieder Dein Herzschlag und im Ruhezustand nimmt die Herzratenvariabilität zu.

Ein weiterer Effekt von Stress ist die Verlagerung zu flacher Brustatmung und die Vernachlässigung von tiefer Zwerchfellatmung. Dieser negative Aspekt soll an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt, aber nicht detailliert ausgeführt werden.

Die Folgen von Dauerstress und Mundatmung

Mundatmung ist vorübergehend kein Problem, aber langfristig kann sie zu gesundheitlichen Folgen führen. Leider verpassen viele gestresste Menschen den Moment, aus dem Stressmodus mit der Atemweise durch den Mund auszusteigen. In Gegensatz zu unseren Vorfahren haben wir es schwerer, den Absprung zu schaffen. Da Büroarbeit und viele Freizeitaktivitäten unsere Muskeln kaum ermüden und uns keine Pausen aufzwingen, müssen wir selbst erkennen, wann unsere Kraftreserven erschöpft sind und der Körper Erholung braucht.

Obwohl die Mundatmung nicht unmittelbar einer Hyperventilation entspricht, verändert sie langfristig die Atemphysiologie. Auch wenn man nicht zu schnell oder zu tief atmet, wird trotzdem ein chronisch leicht übermäßiges Atmen begünstigt. Wegen des geringeren Atemwegswiderstands strömt die Luft leichter ein, wodurch die Atmung unbewusst schneller und häufiger wird. Dies führt aufgrund eines niedrigeren CO₂-Level im Vergleich zur Nasenatmung zu einer höheren Aktivierung des sympathischen Nervensystems und einer schlechteren Sauerstoffverteilung aufgrund reduzierter Stickoxid-Produktion (Lundberg et al., 1996; Wuttke M., 2021; Ramirez‑Yanez, G.O., 2022/2023).

Gerade hinsichtlich der Stressbewältigung ist die Aktivierung des Stressnervs schlecht, weil die höhere Herzfrequenz zu mehr innere Unruhe, einer erhöhten Angstbereitschaft (Zelano, C. et al., 2016) und schlechteren Regulation von Emotionen führt (Mohammadi, S. et al., 2025). Zudem kann die Mundatmung den Schlaf und die Sauerstoffversorgung verschlechtern, weil Schnarchen und Schlafapnoe gefördert werden (Schramm, P., 2024).

Der Ausstieg aus dem Stressmodus ist wichtig, denn innerhalb von 24 Stunden beginnt der Körper sich an die erhöhte Atemfrequenz anzupassen (Brown et al., 1948). Die Folgen für die geistige und körperliche Gesundheit können erheblich sein. Forscher haben eine Reihe von Symptomen zusammengetragen, die in Verbindung mit einer falschen Atemweise stehen, wie z. B. Schwindel, Kribbeln in den Fingern, Verwirrtheit, Angstgefühle und Herzklopfen (Zelano, C. et al., 2016; Shaw, J., 2016). Bei einigen Krankheiten, wie z. B Herzschwäche, Angststörungen und Asthma, wurde bei den Patienten festgestellt, dass die meisten zu intensiv atmen (Boulding et al., 2016; Fanfulla et al., 1998). Wenn allerdings Symptome wie Schwindel, Herzklopfen oder Atemnot häufig auftreten, sollte eine medizinische Abklärung erfolgen, um andere Ursachen auszuschließen.

Wenn Du Dir unsicher bist, ob Du ausreichend für Pausen und Erholung sorgst, dann prüf es nach. Was viele nicht wissen, den Stresspegel und die Entspannungsfähigkeit kann man messen. Es gibt verschiedene Tests, die Dir bei der Einschätzung helfen. Wenn Du mehr über Möglichkeiten zum Messen von Stress wissen willst, dann schau hier auf der Website 6atemzüge nach.

Mund oder Nasenatmung?

Auf die Frage, ob Mund- oder Nasenatmung besser ist, gibt es nur eine Antwort: Nasenatmung. Die Mundatmung ist evolutionär nur für besondere Situationen vorgesehen. Die natürlichste und richtige Art zu atmen ist durch die Nase. Nur tun es viele Menschen nicht mehr, weil sie es verlernt haben. Für die Nase gilt dasselbe wie für die Muskeln: „Use it or lose it.“ Das Gewebe von Zunge, Rachen und Nasennebenhöhlen bleibt nur straff, geschmeidig und offen, wenn die Nase zum Atmen genutzt wird. Tun wir es nicht, empfinden wir die Nasenatmung immer stärker als unangenehm und vermeiden sie am Ende ganz.

Die besten Tipps für eine entspannte Nasenatmung

Erinnerungshilfen: Bitte Deine Liebsten, Dich regelmäßig an die Nasenatmung zu erinnern. Alternativ helfen kleine Notizen an häufig genutzten Gegenständen. Auch ein Wecker, der Dich zu festen Zeiten an Deine Atmung erinnert, kann nützlich sein.

Wartezeiten nutzen: Gewöhne es Dir an roten Ampeln, in Supermarktschlangen, Telefonwarteschleifen oder bei verspäteten Terminen, Dich um Deine Atemweise zu kümmern.

Mund zu: Verschließ Deinen Mund mit einem Pflaster vor allem in der Nacht – quer oder senkrecht, je nach Vorliebe. Es gibt spezielle Mundpflaster, eine Übersicht kannst Du hier finden. Alternative: Tagsüber ist es oft angenehmer, einen Zahnstocher oder Stift zwischen die Lippen zu nehmen.

Nase auf: Für die Nase gibt es spezielle Pflaster, die die Nasenatmung erleichtern. Sogenannte Nasenstrips vergrößern mit einer Klammer oder Magneten die Nasenlöcher. Auf der Website 6atemzüge kannst Du Dir zwei typische Modelle anschauen.

Muskeln stärken: In vielen Fällen ist eine Stärkung der Zunge sowie der Kau- und Gesichtsmuskulatur sinnvoll. Es gibt spezielle Trainingsgeräte, die Du mit dem Mund und den Lippen bedienst. Sie stärken die Muskeln, aber auch das Zusammenspiel der gesamten Muskelkette. Straffere Gesichtszüge erhält man bei dem Training inklusive. Mehr Infos gibt es hierzu hier.

Rückenlage vermeiden: Wenn Du bevorzugt auf dem Rücken schläfst, nutze einen Rucksack für die Umstellung – der ist zwar unbequem, aber effektiv. Etwas angenehmer ist ein Schal, den Du Dir um die Brust wickelst und am Rücken mit einem spürbaren Knoten befestigst.

Fazit: Wie Stress die Atmung verändert

Stress aktiviert das sympathische Nervensystem und verändert dadurch unbewusst die Atmung: Die Atemfrequenz steigt und viele Menschen wechseln von der Nasen- zur Mundatmung. Diese Reaktion stammt evolutionär aus der Kampf-oder-Flucht-Reaktion, bei der der Körper kurzfristig mehr Sauerstoff benötigt. Hält dieser Zustand über einen längeren Zeitraum an, kann daraus eine dysfunktionale Atmung in Form einer chronisch leichten Überatmung entstehen. Studien zufolge sind rund 8 bis 10 Prozent der gesunden Erwachsenen und etwa 30 Prozent der Asthmapatienten davon betroffen. Der Körper beginnt sich bereits innerhalb von 24 Stunden an eine dauerhaft erhöhte Atemfrequenz zu gewöhnen.

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Nicole Franke-Gricksch
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